Mann am Bahnhof
Der letzte Zug
Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle.
Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er
hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug
nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden.
Er merkte anscheinend nicht, dass er schon lange
beobachtet wurde.
Dass war die Chance, auf die Ricki so lange gewartet
hatte. Er war schon seit Jahren obdachlos. Der verdammte
Alkohol war schuld daran, welcher ihm langsam, Stück für
Stück sein geordnetes Leben genommen hatte.
Er lag schon lange auf einer Bank in dieser kalten
Bahnhofshalle und hatte sich mit alten Zeitungen zugedeckt.
Seine Hände zitterten und er preßte sie unter seine
Achselhöhlen. Es war nicht alleine die Kälte, – oh nein!
Es waren die ersten Entzugserscheinungen, denn der letzte
Schluck Wein war schon lange her.
Der Mann stand schon seit Stunden am Bahnsteig.
Zuerst glaubte Ricki er steigt bald ein, aber Zug
um Zug kam und fuhr wieder weg und der Mann rührte sich
nicht von der Stelle. Er sah auch nicht so aus, als würde er
auf jemanden warten.
Also, was wollte der Kerl hier überhaupt? Hatte er vielleicht
sogar vor sich das Leben zu nehmen? Dafür war es jetzt
sowieso zu spät, denn der letzte Zug war abgefahren.
Na ja, wenn er sterben wollte … dumme Gedanken, denn der Tod kam ja sowieso eines Tages. Da mußte man nicht vorgreifen, aber ausgeraubt würde er gleich werden und
zwar von ihm und dass mußte schnell gehen, bevor das Zittern schlimmer wurde.
Es wäre nicht dass erste Mal, und es mußte ihm gelingen,
denn sein Körper schrie nach Alkohol.
Vorsichtig, dass die Zeitungen kein verräterisches Geräusch erzeugten, denn jetzt war es ziemlich still in der Halle geworden, erhob er sich von seinem Platz. Leise schlich er
so gut es ging mit seinen durchgelaufenen Schuhen, in die
Richtung des Unbekannten. Der Mann machte einen Schritt
nach links und war aus dem Blickfeld von Ricki
entschwunden. Wo war er plötzlich?
Während er sein Klappmesser aus der Jackentasche zog, umrundete er mit schnellen Sätzen die Säule, hinter der er
den Fremden vermutete. Der Platz war leer!
Das war doch unmöglich … wo war der Kerl? Schnell drehte er sich um, in der Erwartung, ihn hinter sich zu sehen. Seine
Augen sahen sich gehetzt nach allen Seiten um.
„Suchst du vielleicht mich?“ Die heisere Stimme nahe an
seinem Ohr, ließ ihn um ein Haar die Kontrolle über seine
Gedärme verlieren. Das war doch nicht möglich, wo kam er
so schnell her? Er sprang einen Schritt zurück und hielt zitternd das Messer in seiner ausgestreckten Hand. „Geld …
gib mir sofort dein verdammtes Geld sonst passiert was!“
„Du hast schon die ganze Zeit auf mich gewartet, stimmts?“
Der Mann war jünger und sicher dreißig Zentimeter größer als Ricki mit seinen fünfzig Jahren und ein Meter siebzig. Nur keine Panik aufkommen lassen, so kurz vorm Ziel,- obwohl ihm der Kerl immer unheimlicher wurde. „Quatsch nicht so viel und rück endlich deine Kohle raus, ich habs eilig!“
„Glaub mir, ich auch. Aber ich brauche von dir kein Geld sondern … deine Lebenskraft!“
Was faselte der Verrückte da? Oder war das nur einer seiner
grauenhaften Träume, die ihn in letzter Zeit immer öfters
heimsuchten? In diesem Augenblick legte der Mann ihm beide Hände auf die mageren Schultern und alles was er noch fühlte, war ein Schweben, ein Ziehen und dann … nichts mehr!
Der letzte Zug war weg und der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann.
Charlie lag auf der Bank unter alten Zeitungen und beobachtete ihn schon lange. Das währe ein gefundenes
Fressen für Ricki, aber der hatte sich schon längere Zeit
nicht mehr blicken lassen. Na ja, bleibt dieser Ahnungslose
mir … auch gut!
Anmerkung:
Frei zur Interpretation was dieser Mann wohl für ein Wesen war oder ob er überhaupt existierte.